Kolumne
 Gaybodensee Kolumne

Hier greifen monatlich im Wechsel diejenigen zur Feder, die diese gleich ihrem Zungenschlag spitz einzusetzen wissen und schonungslos all das durchhecheln, was ihnen gerade auf der Leber brennt. Das Szenegeschehen wird zur Zielscheibe des Klatsch & Tratschs und oft ein gut gehütetes Geheimnis ganz beiläufig gelüftet. Kurzweil, Spannung und aufschlussreiche Erkenntnisse verspricht die Kolumne der Stars und Sternchen, die wir hier einzeln vorstellen.



Gaybodensee Transenparade

 

*** K O L U M N E  April 2019 ***



No Friday for MissU...



Miss Understood

hätte ich gewusst, dass ich heute früh in aller Herrgottsfrühe jäh aus dem Schlaf gerissen werden würde, hätte ich letzte Nacht nicht so lange mit Frau Popova und Frau Geier Wunschkonzert gespielt, wo in Erinnerung an längst vergangene Zeiten alte Schmonzetten, wie „Amsterdam“, „Die Glocken von Rom“, „Geronnimo´s Cadillac“ und die Popova-Hits der letzten fünfzehn Jahre gedudelt wurden. Dazu gab es natürlich reichlich verdünnten Rebensaft, um die Stimmen ausreichend zu ölen. Der Fun-Faktor war also mal wieder sehr hoch. Man könnte den Abend betiteln mit „Wein, Weiber und Gesang“.
Heute Morgen wusste ich im ersten Moment gar nicht, warum ich denn um kurz nach zehn schon wach war. Bis gleich ein Gejohle und Getöse von draußen durchs Fenster an mein halbwaches Ohr drangen. Trotzdem machte ich noch meine morgendliche Zehengymnastik mit gleichzeitigem Gesichtsyoga, bevor ich mich aus dem Bett pellte. Mit etwas schwerem Kopf bewegte ich mich langsam zum Fenster. Ich sah hinaus auf die Straße, wo eine Menge junger Menschen aus Richtung Von-Bödefeld-Gesamtschule in Richtung Lehmberger Forst marschierten. Einige trugen Transparente vor sich her. Auf einem Stand „Keine Kohle mehr!“. Ich dachte so bei mir: „Das Schild könnte ich auch ständig tragen.“ Es erinnerte teilweise an einen Trauermarsch, weil die meisten Schüler nur mit ihren Smartphones beschäftigt waren und so mit gesenkter Birne wie in Trance einen Fuß vor den anderen setzten. Schon war ich parteiisch und dachte, „was hat diese kleine Greta aus Schweden da ins Rollen gebracht!“. Aber nicht, weil ich den Klimaschutz ablehne, sondern weil diese Gören mich aus meinen tiefsten Träumen getrommelt haben. Wenn ich mich noch richtig erinnere, war ich nämlich gerade mit Felix Neureuther beim Après Ski im Jakuzzi. Aber das Klima scheint ja wichtiger! Was hätte ich mich früher über so eine Klima-Pipi gefreut. Ganz legal Schule schwänzen und noch von höchster Stelle dafür gelobt werden. Ein bisschen Neid schwingt da natürlich auch mit: Die Greta brauchte nur mal die grüne Fahne zu schwenken und schon winkt ihr der Nobelpreis.
Unsereins musste sich ein halbes Leben lang auf morschen Bühnen abrackern, um an Fasnet mal etwas öffentliche Aufmerksamkeit zu erreichen. Etwas angewidert wandte ich meinen Blick weg vom Fenster und zog mit etwas zu heftigem Ruck die Gardine wieder zu. Nun hingen nicht nur meine Gesichtszüge etwas kanzlerisch herunter. Wie schön, der Tag konnte nur noch besser werden! Wohlgemut warf ich eine Kapsel in den Kaffeeautomaten, wobei ich noch einmal einen hämischen Blick durch den Gardinenspalt nach draußen der Meute hinterher warf. Ich überlege, ob Plastikmüll auch das Klima verändert. Es ist schon erschreckend, wieviel davon im Meer landet. Habe ich doch letzt gehört, dass in einem Wal 6 Kilo Plastik gefunden wurden. Wenn man jedoch bedenkt, dass so ein Ding 3 Tonnen wiegt, sind 6 Kilo eigentlich nicht viel. Mit dem Kaffeetässchen in der Hand machte ich es mir in meinem Ikea-Sessel bequem und meinen Fernseher an, um zu sehen, was die Welt sonst noch so zu bieten hatte. Ich musste nicht hellseherisch sein, um zu wissen, dass das erste ausgestrahlte Bild ein Reporter vor dem Westminsterpalast war. Nachdem ich die Headline „Heute Brexit-Entscheidung“ las, zappte ich sofort weiter. Auf dem nächsten Sender ein riesiges Stadion, gefüllt mit hunderdtausenden tosenden Menschen. Ist schon wieder Fußball-WM? Nein. In der Mitte war eine große Bühne, darauf eine Frau mittleren Alters mit Bubikopffrisur, die in ein Mikrofon schrie und dabei Bewegungen machte, als hätte sie einen spastischen Anfall und Tourette zugleich. Ist Liza Minelli wieder zurück auf der Bühne? Bei genauerem Hinsehen erkannte ich jedoch: Es war Wally Geier! Hat sich ihr größter Traum doch noch erfüllt? Vor hunderttausenden, ach was, Millionen Menschen singt sie „New York“ statt „Meckebeure Durlesbach“? Es konnte, nein, durfte nicht sein! Und so kam es: Noch einmal wurde ich jäh aus diesem Traum gerissen. Aber diesmal vom Klingeln des Telefons. Irgendwie beruhigt, dass Frau Geier ihren künstlerischen Anspruch nicht aufgegeben hatte, wischte ich mir den Mund ab und griff zum Hörer. Es war Frau Popova am Rohr: „Naaa, heute Abend Lust auf ein bisschen Hitparade?“ Sie habe auch Nonnenfürze gebacken und der Sekt sei schon kaltgestellt. Wie konnte ich da Nein sagen. „Carpe diem“, wie der Franzose sagt, umso mehr, weil ich jetzt weiß, dass uns der Klimakollaps droht.

Euere ewig Missverstandene
Miss Understood


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